"Puts on her best smile, but underneath she's a broken girl."

Donnerstag, 21. Juni 2012

x


Verlegen starrte ich in den Kerzenschein.
„Denkst du, dass ich nur Aufmerksamkeit möchte?“
„Wie kommst du denn darauf? Wenn ich das denken würde, dann hätte ich dich sicherlich nicht in meine Wohnung geholt. Ich weiß, wie ernst und drängend deine Gedanken sein können. Und ich will dich nicht verlieren.“
Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht.
„Es ist so schön, wenn du lächelst.“
Verneinend schüttelte ich meinen Kopf. „An mir ist nichts schön. Nichts.“
Ich starrte an meinen Armen herunter. Zog mir den Cardigan über die Handgelenke.

„Sie haben ein sehr hübsches Kleid an“, erzählte mir die Krankenschwester augenzwinkernd.
Nein, an mir ist alles hässlich.
„Sie tragen viel schwarz, oder?“, fragte sie mich.
„Ja. Es ist meine Lieblingsfarbe.“
„Ich persönlich trage auch gerne schwarz, aber es lässt mich immer so blass wirken. Sie können ja alles tragen. Mit ihrem hübschen Gesicht und dem schlanken Körper.“
„Und den Narben am Unterarm“, zählte ich sarkastisch  weiter auf noch ehe ich darüber nachdenken konnte.

„Hey, an was hast du gerade gedacht?“, wollte Andrew wissen und beäugte mich genaustens.
„Wieso?“
„Dein Gesicht… Es hat sich verfinstert.“

Mittwoch, 20. Juni 2012

Love?


Mit einer Flasche Baileys stieg ich die Treppen hinauf. Ich konnte es kaum erwarten mich in den Alkohol zu flüchten. Ich blieb vor Andrews Tür stehen und überlegte ob ich klingeln sollte. Aber weil ich mir noch keine Entschuldigung zurecht gelegt hatte, drehte ich mich und wollte gerade gehen. Da riss Andrew die Tür auf und starrte mich böse an.
„Ach, neuer Suizidversuch?“
 „Andrew, es tut mir leid. Unendlich leid. Ich weiß, dass ich das nie wieder gut machen kann…“
„Willst du dich wegen mir umbringen?“
„Nein, ja….auch.“
Er zerrte mich in seine Wohnung, schloss die Tür und nahm mir die Flasche aus der Hand.  „Du schläfst heute hier.“

Zögerlich ging ich ins Wohnzimmer. Sofort schlug mir Wärme und der Geruch von Vanille entgegen. Ich setzte mich auf seine schwarze Couch. Auf dem kleinen Tischchen davor standen zwei Teelichter. Angezündet. Flackernd. Als wollten sie mich reizen. Ich hielt meinen Zeigefinger über die Flamme, spürte die wohlige Hitze meine Haut liebkosen.
„Sophie!“
Augenblicklich zog ich meine Hand zurück.
„Dich kann man echt keine Sekunde aus den Augen lassen.“
Er setzte sich zu mir, stellte demonstrativ zwei Gläser und eine Flasche Wasser auf den Tisch.

Montag, 18. Juni 2012

Leer.


Ich wachte auf, stellte fest, dass meine Wimpern ganz verklebt waren und rieb mir über die brennenden Augen. Ich richtete mich auf.  Silberne Sternen kreisten um mich, ließen mich alles unscharf sehen. Meine Knie gaben nach, ich landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden. Eine Weile blieb ich so liegen, hörte wie eine Tür zugeschlagen wurde. Was habe ich gestern nur für ein Theater gemacht? Andrew muss doch denken ich sei völlig durchgeknallt.
Ruckartig stand ich auf. Mein schlechtes Gewissen ließ mich nicht los, klebte an mir wie Kaugummi.
Keine Entschuldigung kann mein gestriges Verhalten rechtfertigen. Keine. Schuldgefühle keimen in mir auf, schaffen es dass ich mich mies fühle. Mies und schuldig. Zwei tolle Adjektive.
Ich zuckte zusammen als mich  eine Tatsache brutal aus meinen Gedanken riss:  Er war gegangen. Und diesmal für  immer.
Ein höllischer Schmerz beschlich mich.  Ich stolperte ein paar Schritte nach hinten, lehnte mich an die kalte Wand und schloss die Augen.
Das ist nicht wahr. Mein Gott, das darf nicht wahr sein. Sag, dass ich träume. Nur ein böser Albtraum.
Nein, ich schlief nicht. Ich war wach. Und das war die bittere Realität. Ich kratzte mir über den Unterarm. Rote Striemen hatten sich gebildet.
Wenn ich einen einzigen Schnitt an dir sehe, dann bin ich weg.
Ich krallte meine Fingernägel noch tiefer in die Haut hinein als mich ein stürmisches Klingeln aus meiner Trance holte. Einem Herzinfarkt nahe wankte ich zur Tür, verwirrt und vollkommen neben der Spur. Als ich sie aufriss, stand der Postbote vor mir und drückte mir wortlos einen Brief in die Hand. Ich ließ ihn auf den Boden fallen.
Denn der Umschlag war mir egal. Alles war mir egal. Alles außer Andrew. Ich fühlte mich so leer ohne ihn. Es fehlte ein Teil. Wie bei einem Puzzle, das noch nicht fertig war.

Freitag, 15. Juni 2012

Scheiße.


„Ich Idiot“, flüsterte ich in den Raum hinein. „Ich Idiot!“, schrie ich. „Ich bin so verdammt scheiße! Scheiße, scheiße, scheiße!“ Meine Schreie erfüllten die kühle Luft der Nacht. Krochen aus dem Fenster hinaus die Straßen entlang. Ich sprang auf, lief zum Fenster, beugte mich hinaus und schrie. „Ahhh!„
Lichter gingen an, neugierige Gesichter erschienen an den Fensterscheiben. Verstörte Blicke flogen zu mir. Mein weißes Nachthemd flatterte im Wind. Ich fühlte mich wie ein Engel, nicht mehr lebendig, aber auch nicht tot. Irgendwo dazwischen.
Ich sank auf den weichen Teppich, meine Haare peitschten wild umher. Das Fenster war noch offen. Es wurde kühl im Raum. Ich fing an zu zittern, presste meine Beine an meine Brust. Es war wirklich seltsam. All meine Gefühle verließen mich, schwebten einfach so hinaus. Zu Menschen, die besser mit ihnen umgehen konnten. Ich fühlte mich irgendwie so inhaltslos. Alles hatte plötzlich keinen Sinn mehr.
Wozu sollte ich aufstehen, wenn ich genauso gut auf dem Boden schlafen konnte?
Wozu sollte ich überhaupt noch aufstehen? Wozu, verdammte Scheiße?
Für nichts. Nichts und niemanden.
„Sophie?“, hörte ich Andrew rufen.
Hau ab, lass mich in Ruhe.
„Wo bist du?“
Geh weg. Bitte. Geh einfach weg.
Die Tür wurde aufgerissen, er sah mich auf dem Boden liegen. „Was ist passiert?“
„Nichts!“ Ich brauche dich nicht. Ich komme gut alleine klar.
„Was ist los?“
„Lass mich!“ Lass mich hier liegen, lass mich in meiner Gleichgültigkeit ertrinken. Und wende deinen Blick von mir ab. Du sollst mich nicht ansehen als wäre ich vollkommen gestört.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Bitte entschuldige.


 Als ich den Wohnungsflur betrat, ließ ich die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Noch im gleichen Moment  warf ich meine Tasche auf den Boden.
„Andrew?“
Keine Antwort.
Ich taumelte ins Badezimmer, riss die Schranktür auf und suchte nach der Packung. Meine zitternde Hand umkrallte die Pappverpackung während ich mich auf den Boden gleiten ließ, sie aufriss und das glänzende Stück Metall herausholte. Dann schob ich meinen Ärmel hoch. Weiße Narben zierten meinen Unterarm. Zwischen ihnen befanden sich klaffende, rote Schnittwunden. Zugegeben, es sah nicht schön aus, doch abschrecken tat mich dieser Anblick schon lange nicht mehr.
Ich  setzte die Klinge langsam an meinen Arm. Mein Herz klopfte wild. So als ob es gegen das Bevorstehende protestieren wollte. Du hast nichts anderes verdient dröhnte eine Stimme in meinem Kopf dagegen an. Wieder und wieder.  Ich drückte die Rasierklinge tief in mein Fleisch und zog sie ein paar Zentimeter am Unterarm entlang. Blut strömte aus dem Schnitt; ein pochender Schmerz erfasste mich. Mir wurde unglaublich warm.  Die Wunde fing an zu brennen. Aber es tat gut, das herunterrinnende Blut zu sehen.  Fasziniert beobachtete ich wie die roten Tropfen aus dem Schnitt hinaustraten und sich auf den kalten Fliesen sammelten. Ich hatte es verdient zu leiden. Der Fleck wurde größer und größer. Ein Gefühl der Befriedigung stieg in mir auf.
 Ich vergaß alles um mich herum; konzentrierte mich auf den Schmerz. Er befreite mich. Benommen blickte ich auf die silberne Klinge in meiner Hand. Blut klebte an ihr. Mein Blut.
Hastig stand ich auf. Meine  Knie waren weich und ich hatte Mühe das Gleichgewicht zu halten. Ich spülte das Blut ab, welches noch immer in krummen Linien meinen Arm herunterrann. Notgedrungen nahm ich einen Verband aus dem Spiegelschrank über dem Waschbecken und wickelte ihn um die Wunde. Die Klinge wusch ich ordentlich unter fließendem Wasser ab.  Anschließend legte ich sie in die Packung und stellte diese zurück in den Badezimmerschrank. Ich  riss ein paar Blätter  Toilettenpapier ab und wischte damit den Fleck auf dem Boden weg.
„Sophie, was machst du denn solange im Bad?“ In seiner Stimme lag Misstrauen. „Wenn du schon wieder…“ Er riss die Tür auf und sah den neuen Verband an meinem Arm. „Man Sophie, wir waren doch schon weiter.“
Es tut mir leid. Ich konnte nicht anders. Bitte entschuldige.

Er zerrte mich grob aus dem Badezimmer.
Ich habe das Versprechen gebrochen.
Ich wagte es nicht ihn anzusehen.
Ich wollte dich nicht enttäuschen. Wirklich nicht.
Mein Herz krampfte sich zusammen.
Bitte verzeih mir.
„Warum musste es wieder soweit kommen? Warum?“
Du hast Recht. Ich habe mich nicht unter Kontrolle.
Ich schlug mit der flachen Hand gegen die Wand.
Ich hasse mich. Abgrundtief.
Türknallend ließ er mich stehen.
Bitte verlass mich nicht. Ohne dich bin ich verloren.
Ich malte mit der Fingerspitze ein Kreuz auf die Tapete. Das Geräusch meines kratzenden Fingernagels erschien mir plötzlich unendlich laut. In aller Deutlichkeit wurde mir klar wie still es in der Wohnung eigentlich war wenn Andrew nicht da war.

Samstag, 9. Juni 2012

What the fuck?!


„Wenn ich schon nichts an der Situation verändern kann, dann wenigstens an mir“, flüsterte ich und spielet an einer roten Strähne herum.
Meine Therapeutin sah mich eindringlich an und lehnte sich in dem großen, roten Sessel vor: „Denken Sie, dass Ihnen das hilft? Ich meine, denken Sie, dass sie nicht eine Kleinigkeit an der Situation verändern könnten?“
Sie lehnte sich wieder zurück und kritzelte etwas auf ihren Block. Es sah aus wie eine Gesichtsskizze. Von mir?! Hoffentlich nicht.
Sie malte einen lächelnden Mund, zeigte mit dem Stift auf mich und sagte: „Wenn Sie Ihrer Umwelt vermitteln, dass es Ihnen gut gehe und dies aber gar nicht der Fall ist, dann zerbrechen Sie innerlich. Stück für Stück.“
Neben das Gesicht zeichnete sie ein Herz. Ein zerbrochenes Herz.
„Sie leiden, aber niemand sieht es. Deswegen fühlen Sie sich unverstanden, missachtet und alleine. Stimmt das?“
Ich schluckte. „Ja. Es ist einfach Angst, Angst zu zeigen, wer ich bin.“
 „Sind Sie damit zufrieden?“ Erwartungsvoll musterte sie mich.
„Ich…, also, naja…Nein. Wie denn auch? Mein Leben ist auf Lügen aufgebaut. Was denken Sie denn da?“
Meine Finger krallten sich in die Sesselkante.
„Gut, sehr gut.“ Meine Therapeutin strahlte mich an.
Ich schaute nun böse. „Wie bitte?“
„Sie haben sich etwas eingestanden. Etwas Wahres.“
Ich schwieg.
Sie sah mich an.
Ich stand auf.
Sie tat es mir gleich.
Ich ging.