"Puts on her best smile, but underneath she's a broken girl."

Dienstag, 5. Februar 2013

Egal, alles egal


Ich blickte aus dem Fenster. Wollte ihr nicht antworten. Meine Lust über die Vergangenheit zu sprechen saß gefesselt und geknebelt in der Ecke. Ich schaute zu ihr herüber. Wie lange die Fesseln wohl halten würden? Wie lange es dauerte bis sie sich befreite?

Aus einem Augenwinkel heraus erkannte ich dass sie etwas notierte, das aussah wie keine Wahrnehmung der Umwelt. Oder sonst was. War mir eigentlich auch egal. Scheißegal.
So wie die ganze beschissene Welt, die sich trotz allem Unheil einfach weiterdrehte als wäre nichts geschehen.
Ich krallte die Fingernägel in meinen Arm, zerkratzte die Haut, wollte gerade die verheilte Wunde wieder aufreißen.
Meine Therapeutin riss meine Hand weg. Schaute mich böse an. Und interpretierte mein Verhalten als Aggression.  „Lexy. Worauf sind Sie so wütend?“
„Auf mich.“
Entschuldigung, ich muss mich korrigieren. Auf alles in diesem zerfickten Leben.
Ich wusste nicht wohin mit meinen Händen. Sie verleiteten  mich dazu weiterhin  an dem Schnitt herumzufummeln. Es sah so verlockend aus. Diese fünf Zentimeter lange Linie aus getrocknetem Blut. Zusammengehalten mit vier Stichen, deren schwarze Fäden einen schönen Kontrast zu meiner blassen Haut bildeten.
„Lassen Sie das“, fuhr die nun leicht angesäuerte Stimme meiner Therapeutin dazwischen.
Ist ja schon gut.


Montag, 28. Januar 2013

Von wegen alles bestens, du Lügnerin.


Ich saß in der S-Bahn. Auf dem Weg zu meiner Therapeutin. Die Ärmel weit über meine Handgelenke gezogen. Niemand, keine Menschenseele, sollte den dicken, weißen Verband sehen. Meine schwarz lackierten Fingernägel waren das Einzige, was noch hervorschaute.

Berliner Straße.

Ich stand auf. Sah mich misstrauisch um. Die Leute schienen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Ein junges Mädchen schrieb eine SMS. Ein Mann in Anzug las ein Buch mit dem Titel „Sterben. Das Leben danach“.

Ich musste grinsen. Denn ich glaubte ebenso wenig an ein Leben nach dem Tod wie mein Vater daran glaubte dass ich etwas richtig machen konnte.

Ich stieg aus, lief den Bahnsteig entlang. Vorbei an Obdachlosen, die mir bettelnd einen Pappbecher hinhielten.  Vorbei an spiegelnden Reklametafeln. Vorbei an mir selbst.

Ich senkte meinen Blick. Lief so leise wie es nur möglich war die Treppenstufen hinauf. Stellte meinen iPod aus und lief die Straße entlang zur Hausnummer 70. Nach einem kurzen Zögern drückte ich auf die Klingel. Das Summen ertönte, ich öffnete die Tür und betrat die Praxis.

Die Luft war stickig. Das Lächeln meiner Therapeutin falsch. Ihre auf mich zukommenden Schritte zu groß. Mir wurde unbehaglich.

„Ah, guten Tag, Lexy.“ Sie hielt mir mit einer einladenen Geste die Tür zum Therapiezimmer auf. „Ist Ihnen kalt? Sie sehen so erfroren aus.“

„Nein, alles bestens.“ Von wegen alles bestens, du Lügnerin.

Ich zog meinen Stoffmantel aus, wickelte den Schal ab und  zerrte den Cardigan bis über meinen Daumen.

„Was verstecken Sie vor mir?“ 

Ich sah auf, versuchte verwirrt auszusehen. „Nichts.“

Meine Therapeutin griff mit scharfem Blick nach meinem Arm, den ich ihr mit aller Kraft entziehen wollte. Als sie den Stoff wegschob und der Verband zum Vorschein kam, fing ich leise an zu weinen.

„Das sieht mir aber nicht nach ‚nichts‘ aus.“

„Es tut mir leid“, presste ich hervor ehe ich erneut von

Schluchzern geschüttelt wurde.

„Darf ich mal sehen?“ Sie entfernte die Mullbinde, nahm die blutdurchtränkten Kompressen weg und zog die Luft durch die Zähne ein als sie die genähte Wunde erblickte.  „Lexy.“

Ich reagierte nicht.

„Lexy, schauen Sie mich bitte an.“

Ich tat, wie mir befohlen wurde.

„Wann ist das passiert?“

„Gestern“, rückte ich heraus.

„Zuhause?“

Ich schüttelte den Kopf. „Während einer Vorlesung.“

„Vor den Augen der anderen?“

Mehr oder weniger.

„Haben Sie das getan, um Aufmerksamkeit zu bekommen?“

„Nein. Um Himmels willen, nein!“

„Aber warum dann inmitten der Vorlesung?“

„Weil ich verdammt nochmal keine Kraft mehr hatte mich auf die Toilette zu schleppen.“

„War es Ihnen egal, dass Sie nicht alleine waren?“

Es hat mich nicht gestört. Nichts hat mich gestört. Es war als wäre ich in einer Seifenblase. Ich habe nichts mehr wahrgenommen, außer der kalten Klinge in meiner rechten Hand." Aus einem Augenwinkel heraus erkannte ich dass sie etwas notierte, das wage aussah wie keine Wahrnehmung der Umwelt.

Eine bleierne Schwere legte sich über mich als mich ihre nächste Frage mitten ins Herz traf:

„Haben Ihre Eltern Ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt?“

Oh doch, das haben sie. Und zwar in Form von Schlägen, Vorwürfen und Beschimpfungen.

Dienstag, 15. Januar 2013

xoxo


Ich hab keinen Bock mehr. Weder auf mich noch auf mein verficktes Leben, das mir Tag für Tag vor Augen führt, wie scheiße alles ist. 

Ich schaue zur Seite. Dort auf dem weißen Keramik liegt sie. Die kleine, silberne und verdammt scharfe Klinge. Sie kämpft um meine Aufmerksamkeit.

Ich seufze. Strecke die Hand aus. Und lasse sie wieder sinken.

Das Zittern kotzt mich an.

Was ist, wenn es mir nicht gelingt? Wenn ich sie mir nicht tief genug in die Pulsader rammen kann?

Das kannst du also auch nicht.

Ich stütze meine Arme auf das Waschbecken, schaue mit verklärtem Blick in mein Spiegelbild, das mit verheulten und blutunterlaufenden Augen vor mir steht. Ich sehe grässlich aus. Einfach nur grässlich. Wie ein Zombie, eine lebende Tote. Mir rinnen Tränen, ganze  Ströme von Tränen aus den Augen während die Welt vor mir zu einem weißen Fleck verschwimmt und ich völlig entkräftet an den Fliesen entlang auf den Boden gleite.

Ich beiße die Zähne zusammen. Knalle meinen Kopf gegen die Wand. Spüre einen dumpfen Schmerz. Atme ein. Schlage meinen Schädel ein weiteres Mal gegen die Wand. Atme aus.

Kälte kriecht durch meinen Körper, raubt mir jegliche Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen. Presste meine Knie an die Brust und versuchte das Schluchzen zu ersticken. Heiße Tränen tropften auf meine Hose.

 

Verlassen und vergessen lag ich da.

 

Ich beugte mich vornüber. Würgte. Schnappte nach Luft. Kippte zur Seit und landete auf dem harten Boden der Realität.

Mir war kalt. Eiskalt. Ich sehnte mich nach jemandem, der mich in den Arm nahm und wärmte. Nach jemandem, dem ich etwas bedeutete. Der mich liebte. Uneingeschränkt liebte.

Samstag, 29. Dezember 2012

Abschied.

„Du gibst mir jetzt deine Rasierklingen“, sagte er und zog mich hoch. „Alle. Jede einzelne.“
Ich wand mich unter seinem eisernen Griff. Vergeblich. Mit weitaufgerissenen Augen stand ich vor ihm und reichte ihm die blutige Klinge, die ich heute in meinen Arm gerammt hatte.
Ihm entfuhr ein langezogenes Aufstöhnen. „Und die anderen?“
Ich schüttelte vehement den Kopf und suchte nach einem Weg nicht ganz so schuldbewusst auszusehen.
„Du sagst mir jetzt, wo du die anderen versteckt hast.“
In mir tobte ein Feuer. Ich wollte kämpfen, aber gleichzeitig konnte ich mir nicht vorstellen, ohne meine kleinen, spitzen, silbernen Helfer auszukommen.
Ach scheiße, dachte ich mir und rannte ins Schlafzimmer. Tränenüberströmt gab ich ihm meine letzten Klingen. Alle noch unbenutzt und verpackt mit dem Namen von Willkinson drauf.
„Ich bin stolz auf dich, meine Süße“, flüsterte Andrew und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Ich fuhr erschrocken zurück, stolperte dabei über meine eigenen Füße und fiel hin. Nackte Panik stieg in mir hoch als er immer näher kam, sich über mich beugte und meine beiden Arme festhielt.
„Du bist meins.“
Meine Angst wuchs ins Unermessliche. Wie außer mir fing ich an mit den Beinen zu strampeln, was ihn allerdings wenig beeindruckte. Er strich über meine Brüste.
Und dann endlich konnte ich schreien. Es war ein ohrendbetäubender, fast animalischer Schrei.
Ich musste blinzeln und verstand die Welt nicht mehr als ich bemerkte, dass ich alleine im Schlafzimmer lag, die Rasierklingen wild um mich verteilt. Was bedeutete, ich hatte mir das alles nur eingebildet. Alles. Jedes noch so kleine Detail.
Ich rappelte mich auf und strich meine Haare zurück während ich hörte wie Andrew nach mir rief.
Ich wusste nicht, wie lange ich dagelegen und mir eingebildet hatte, er verginge sich an mir. Mit einem Kopfschütteln bückte ich mich, versteckte eine Rasierklinge unter meinem Kissen und schmiss die restlichen in den Mülleimer.
Andrew rauschte ins Schlafzimmer. Sah mich mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Klingen starren. Legte mir eine Hand auf den Rücken.
Schweren Herzens wandte ich mich ab. „Du hälst mich bestimmt für total gestört, aber es fällt mir schwer. So verdammt schwer.“
„Ich weiß, Lexy. Ich weiß.“ Er zog mich an sich und hielt mich fest. Ganz fest an sich gepresst.
Ich fühlte mich schwach, so als würden meine Beine mich nicht mehr halten können.

Montag, 12. November 2012

Flocki


Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Ich hörte die schweren Schritte meines Vaters, wie er etwas auf den Boden krachen ließ und dann ein schmerzerfülltes Miauen.
Ich ignorierte die Angst, die mir die Kehle zuschnürte und meine Beine lähmte. Ich musste Flocki retten. Das hatte Priorität, ich stand an zweiter Stelle. Leise drückte ich die Türklinke hinunter und schlich auf Zehenspitzen nach vorne in den Flur.
Wie kann  er nur. Oh mein Gott, Flocki.
Auf ihrem Schwanz stand ein Einkaufsbeutel.
„Alles okay? Geht’s dir gut?“
„Dieses Drecksvieh ist nicht aus dem Weg gegangen“, erklärte mein Vater und trat Flocki, wie um zu zeigen, dass er das Sagen hatte.
Verdammt, sie ist eine Katze. Eine Katze ist ein Lebewesen. Und Lebewesen haben Gefühle. Auf denen du allerdings nur herumtrampelst.
„Zu nichts zu gebrauchen. Genauso wie du“, schimpfte er weiter.
Ich ging zu ihr, schmiss den Beutel meinem Vater vor die Füße und verschwand mit ihr auf dem Arm in meinem Zimmer, wo ich sie ins Puppenbett legte und zudeckte.
„Es tut mir leid. Ich werde nächstes Mal besser auf dich aufpassen, okay?“
Ich schaute in ihre leuchtend grünen Augen, aus denen jeglicher Glanz verschwunden war. Ich fuhr durch ich weiches, schneeweißes Fell. Zu oft wurde sie als Fußabtreter missbraucht. Ich fing an ihr etwas vorzulesen. Sie  sollte eintauchen in eine Welt voller Feen, Magie und Zauber und die schreckliche Wirklichkeit ganz weit von sich schieben.
Ich nahm etwas Glitzer und streute es über sie. „Ab heute sind  du und ich Freunde für immer und ewig.“

Ich legte meine kleine Hand auf Flockis Kopf und flüsterte ihr zu: „Keine Angst. Du schläfst heute bei mir.“ Ich nahm sie und setzte sie auf mein Bett ehe ich die Lichterkette anschaltete und ein rosafarbener Glanz mein Zimmer erfüllte. Ich zog die Bettdecke über uns beide und versuchte verzweifelt Schlaf zu finden. Ich wälzte mich hin und her. Stundenlang. Erst als ich Flocki vorsichtig an mich drückte, und mein Herz unter ihrem warmen Körper pulsierte,

Flocki. Stumm bewegte ich meine Lippen. Ihr Name trieb mir Tränen in die Augen. Erinnerte mich an all die vertrauten Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Verbarrikadiert in meinem Zimmer.
Still sank ich zurück in die Kissen. Neben mir hörte ich Andrews regelmäßige Atemzüge, was hieß, dass er tief und fest schlief. Im Gegensatz zu mir. Ich war hellwach, verspürte nicht den Hauch von Müdigkeit. So leise wie möglich schlug ich die Decke zurück und stieg aus dem Bett. Ich lief zum Fenster, schob den Vorhang ein Stück zur Seite. Es sah schön aus, dort draußen. Friedlich. Die Rücklichter der Autos. Der mit Sternen erhellte Himmel. Die Laternen mit dem hellgelben Licht. Alles ging seinen gewohnten Gang.
Ich kroch zurück ins Bett, rollte mich zu einer Kugel zusammen. Und hatte auf eine eigenartige Art und Weise das Gefühl beobachtet zu werden.

Donnerstag, 8. November 2012

Live or die?


Mit einem ekelerregenden Klang prallte mein lebloser Körper unten auf. Den Kopf nach links gedreht starrten die offenen Augen vor sich hin. Mein Bein lag seltsam verdreht auf dem Asphalt während das Blut weiterhin aus den Schnitten an den Pulsadern strömte und den Gehweg in einen Tatort verwandelte.
„Oh mein Gott!“, hörte ich jemanden schreien. Eine warme Hand legte sich um mein Handgelenk und fühlte meinen Puls. „Ich kann nichts spüren.“ Sie drückte stärker. „Nichts.“ Mein Arm wurde in seine ursprüngliche Postion zurückgelegt. Und als sich die Person mir zuwandte erkannte ich dass es Andrew war. Sein Gesicht war tränenüberströmt, seine Hose voller Blut. Er legte meinen Kopf in seinen Schoß. „Wach auf. Bitte Lexy. Tu es für mich.“ Ich blinzelte kurz, rührte mich aber nicht. „Bitte tu, was ich dir sage. Nur dieses eine Mal.“
Ich überwand mich. Schreiend wachte ich auf. Ein tiefes, sattes Schwarz um mich herum. Wie in einem Sarg. Einem Sarg? Mir blieb die Luft weg.
„Du hattest einen Albtraum. Es ist alles gut. Ich bin bei dir.“
Ich…lebe?
Ich kann nicht in Worte fassen wie ich mich fühlte. Es war als würde der Boden unter mir weggerissen werden. Ich fiel. Tiefer und tiefer.
Ich lebe, sagte ich mir. Neben mir sitzt Andrew und hält meine Hand. Es ist drei Uhr nachts. Und alles, was bis eben so real war, war nur ein Traum.
„Lexy. Sieh mich an.“ Er fasste unter mein Kinn, drehte es grob zu sich.
„Du tust mir weh.“