"Puts on her best smile, but underneath she's a broken girl."

Montag, 11. März 2013

Back in reality



Allmählich verblasste die Erinnerung zu einem schwachen Grau. Ich führte meine Hand zu meiner Kehle, spürte meinen fliegenden Puls.
Mein Vater ist nicht hier. Und sonst ist hier auch niemand, versuchte ich mir einzureden.
Die Tür ging auf. Ich erschrak. Schrie so laut ich konnte.
 „Lexy, was ist denn los?“, fragte Andrew.
Ich öffnete den Mund. Sagte mit leiser Stimme: „Ich habe mich erschreckt, sonst nichts.“ Ich klang heiser. Heiser und erschöpft.
Er knallte die Tür ins Schloss, war wenige Sekunden später bei mir und schaute mir so tief in die Augen, dass er schon in meine Seele hineinblicken musste. Doch meine Seele war nichts weiter als ein schwarzen Loch, was alles Negative in sich aufsog. Und so lange aufgewahrte bis ich daran zerbrach.
Ich spürte seine kalte Hand auf meiner Schulter. Das Schlüsselbein lag direkt unter seinen Fingern. Die Berührung war schön. Hielt mich in der Realität. „Du hattest wieder einen Flash-back. Habe ich Recht?“
Ich nickte. „Ich hatte solche Angst, dass jemand hier in der Wohnung sein könnte. Und dann diese Geräusche. Ich bin einfach in die Vergangenheit angetaucht.“
 Andrew drückte mich kurz an sich. „Verdammte Scheiße, Lexy. Was hast du schon wieder gemacht?“ Er stieß mich ein Stück von sich und hielt meinen Arm in die Höhe.

Mittwoch, 6. März 2013

Hilfe!


„Hallo Lexy“, hörte ich seine Stimme und sah wie er die Tür hinter sich zuzog.
Meine vor Angst geweiteten Pupillen klebten an der geschlossenen Tür, der einzigen Fluchtmöglichkeit. Das Gefühl eingesperrt zu sein war alles andere als angenehm. Es versetzte mich in Alarmbereitschaft. 
„Geht es dir nicht gut? Du wirkst so“, er schaute sich im Raum um, „misstrauisch.“
Mir versagte die Stimme als ich anfangen wollte zu reden.
„Willst du mir nicht antworten?“ Er klang zornig, wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch.
Ich räusperte mich.
„Mein eigene Tochter spricht nicht mit mir.“ Er schlug mich fest auf die Wange. „Wo soll das nur hinführen?“ Mein Vater lachte kurz auf, holte dann aus und knallte meinen Kopf gegen die Wand. Sterne explodierten, eine Schmerzwelle machte mich bewegungsunfähig.
„Du kleines, verzogenes Miststück!“
Er nahm mich an den Schultern und schüttelte mich solange bis ich mir das Weinen nicht mehr verkneifen konnte. Ich schluchzte laut auf, schrie um Hilfe.
 „Gibst du schon auf, Lexylein?“
Der Kosename klang einfach nur scheußlich aus seinem Mund. Widerwärtig. Vollkommen unpassend.
Ich nickte. Er hatte mich gebrochen, meine Seele in zwei Teile geschnitten. Alles, was ich wollte, war zu schlafen und mich weit weg zu träumen.
„Ich hoffe, dass war dir eine Lektion.“ Er stand auf und verließ mein Zimmer.

Freitag, 1. März 2013

eingesperrt


Du bist es nicht wert, dass sich jemand um dich kümmert.
Du bist es nicht wert, dass du überhaupt lebst!
Aber was am allerschlimmsten war, war das Gefühl dass ich keinen Platz auf der Erde haben sollte, sondern unter der Erde. In einem Sarg. Aus schwarzem Holz. Mit…(dunkelrotem Innenfutter aus Satin).
Ein lautes Knacken zerrte mich aus meinen Gedanken. Ich blinzelte gegen das Licht, welches grell in meine Augen schien.
„Hallo?“
Nichts.“
Hatte ich mich geirrt?
Nein. Da war etwas. Ich war schneller auf den Beinen als meinem Kreislauf lieb war und torkelte aus dem Badezimmer in den Flur.
Falsch gedacht. Da war niemand. Und trotzdem spürte ich wie mir das Atmen von Sekunde zu Sekunde schwerer fiel.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht. Bloß was?
Mein Herz klopfte als müsste es ein Wettrennen gewinnen. Kalter Schweiß lief mir in Strömen den Rücken hinunter. Und hätte ich mich nicht an der Wand abgestützt, läge ich nun aller Wahrscheinlichkeit nach ohnmächtig auf dem Boden.
Beruhige dich.
Ich lauschte nach einem Geräusch. Aber alles, was ich vernahm, war mein eigenes zittriges Atmen.
Okay. Du gehst jetzt ins Schlafzimmer, ziehst die Vorhänge zu und legst dich ins Bett.
Wie damals.
Es war dunkel, nur dämmriges Licht fiel durch die Vorhänge auf den Boden und tauchte mein Zimmer in Zwielicht. Ich hatte mich unter der Bettdecke zu einem kleinen Etwas zusammengerollt. So lag ich bestimmt schon eine halbe Stunde, doch als ich hörte wie jemand mit einem Schlüssel im Schloss der Haustür herumstocherte kam es mir vor als hätte ich mich gerade erst hingelegt. Noch ehe ich es begreifen konnte, fing ich an zu zittern. Wie jedes Mal wenn ich wusste, dass mir bald etwas Schlimmes widerfuhr.
Ich setzte mich auf, horchte alarmiert in die trügerische Stille hinein. Harte, entschiedene Schritte kamen näher und näher. Und näher. Ich hielt die Luft an, presste mir die Hand vor den Mund als ich sah wie meine Tür aufging. Zentimeter für Zentimeter drang gelbliches Licht ins Zimmer. Doch die Gefahr, die Bedrohung, lauerte dahinter. Ich konnte seine Hand sehen, die auf der Klinke ruhte. Seine Augen, die mich ausdrucklos musterten.
Ich versteckte meinen kindlichen Körper unter der Decke, strich mir meine Haare hinter die Ohren.
„Hallo Lexy“, hörte ich seine Stimme und sah wie er die Tür hinter sich zuzog.

Montag, 18. Februar 2013

Malstunde


Noch zwei Minuten bis die nächste Patientin hier hineinstürzen würde.

Frau Hohenstädt folgte meinem Blick. „Okay. Reicht das für heute?“

Ich nickte und erhob mich.

„Passen Sie auf sich auf.“

Ich nickte wieder und schüttelte ihre Hand. „Bis nächste Woche.“ Dann schnappte ich mir den Verband und die Kompressen vom Tisch zwischen uns und verschwand auf der Toilette.

Ich knallte die Tür ins Schloss und trat mit dem Fuß gegen die Wand. Die Mullbinde landete auf dem Boden während ich mit Fäusten gegen die Tür hämmerte. Mein Herz hüpfte in meiner Brust auf und ab.

Verdammte Scheiße, wie konnte ich nur so dumm sein? So unvorsichtig?

Wütend betrachtete ich die Fäden. Ich zupfte und riss, zog und biss und war erst zufrieden als alle schwarzen Fremdkörper raus waren. Der weiße Boden war rot besprenkelt. Von der Lache auf dem Toilettendeckel ganz zu schweigen.

Mir wurde schlecht von dem vielem Blut, das sogar an den Wänden herunterlief. Rotes zähflüssiges Blut. Überall.  Als hätte hier ein Mord stattgefunden. Ein sehr brutaler Mord. Ich bückte mich als ich plötzlich hörte wie die Tür der Damentoilette mit einem Quietschen aufgerissen wurde.

 
 
Scheiße!

Ich geriet in Panik angesichts der zielstrebigen Schritte, die bis vor meine Kabine führten.

„Lexy? Sind Sie das?“, fragte -Überrraschung- meine Therapeutin.

Ich sagte nichts.

„Oh mein Gott, das ganze Blut! Machen Sie sofort diese verdammte Tür auf!“

 Mit einem Klicken schloss ich auf.  Eine Hand packte mich, zog mich heraus.

„Dieses viele Blut. Stammt das von Ihnen?“

Nein, ich male die Toiletten nach jeder Therapiestunde mit Kunstblut an.

Und dann brach das Chaos aus.

Die weitaufgerissenen Augen signalisierten mir dort stehen zu bleiben. Sie eilte hinaus, schrie den Flur entlang, jemand solle ihr den Erste-Hilfe-Kasten geben. Die Tür knallte zu. Ich stand alleine da und starrte auf die roten Pfützen.

Erst die weiße Mullbinde, welche sich mit meinem Blut vollsog holte mich aus meiner Starre.

Ich folgte Frau Hohenstädt, schrie ihr hinterher, dass das nicht nötig sei.

Da drehte sie sich herum. Sah mir mit einen höhnischen Lächeln ins Gesicht und sagte: „Es ist sowieso ein Wunder, dass Sie nach den unzähligen Suizidversuchen überhaupt noch am Leben sind.“

Verzeihung, aber das war kein Versuch. Ich stürmte hinaus, rannte die Straße hinunter. Und fühlte mich so leer wie lange nicht mehr.

Sonntag, 10. Februar 2013

Allein, allein


Ich höre ja auf. Am besten höre ich gleich auf zu leben.
„Wie fühlen Sie sich gerade?“
„Nicht so gut. Ich komme mir vor, als stände ich am Abgrund und bräuchte nur noch zu springen.“
„Erzählen Sie weiter. Welche Gefühle löst dieses Assoziation in Ihnen aus?“
„Ich fühle mich…schuldig. Bin enttäuscht von mir selbst.“
„Warum?“
„Weil ich mich mal wieder selbst verletzt habe. Und es nicht geschafft habe, dem beschissenen Drang zu widerstehen. Ich habe einfach nachgegeben. Dabei will ich doch kämpfen. Ich möchte stark sein und nicht schwach.“
„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie aufhören sich zu  schneiden. Und das ist eine unglaublich mutige Entscheidung.“
„Aber ich schaffe es ja nicht. Also bin ich alles andere als mutig.“
„Es funktioniert nicht, weil Sie denken, es müsste von jetzt auf gleich gehen. Sie haben jahrelang ihren Arm aufgeschnitten, und es wird einige Zeit dauern bis Sie anders mit Druck umgehen können.“
„Ich muss es doch irgendwie schaffen-“
„Falsch“, fiel sie mir ins Wort. „Alleine geht es schon mal gar nicht.“
„Sehr lustig“, bemerkte ich zynisch. „Wer soll mir denn bitte helfen?“
„Ihr Freund?“
„Der mich am liebsten einsperren würde, wenn er weiß dass ich mich schneiden möchte? Schlechte Idee.“