"Puts on her best smile, but underneath she's a broken girl."

Mittwoch, 10. Juli 2013

Nichts mehr sehen.



„Lexy!“
Ich dämmerte langsam wieder ins Hier und Jetzt.
Bemerkte Andrew, der eine Glasscherbe hält.
Bemerkte die Bettdecke, die voll Blut ist.
Bemerkte den Schnitt an meiner Pulsader, der weit auseinander klaffte.
„Scheiße.“ Ich sah Andrew an.
Er sah mich an.
Dann griff er nach der Notfallklingel.
„Wie lange warst du weg?“
„Keine zehn Minuten. Ich habe deinen Vater nur gefragt, woher er wusste, dass du hier liegst.“ Er brach ab. „Lexy, ich bin mir nicht sicher ob ich dich so nach Hause holen kann.“
„Was meinst du mit ‚so‘?“
„So labil. So verzweifelt. So nahe am Rande zum Suizid.“
Mir kamen die Tränen. „Aber hier in diesem beschissenen Krankenhaus zu liegen ist besser?“
„Nein, das habe ich nicht gesagt.“
„Okay. Du versprichst mir, dass du dir nichts antust. Kannst du das?“
Nein, das kann ich nicht. Ich nickte. Bereit alles zu tun, um hier herauszukommen.
Die Tür wurde aufgerissen. Eine Krankenschwester stürmte ins Zimmer. „Was ist denn…“ Sie sah das Blut, machte ‚oh‘, drehte sich herum und ging wieder hinaus.
Ich schämte mich. Wegen dem ganzen Blut. Wegen der klaffenden Wunde. Aber hauptsächlich weil ich das Gefühl hatte, schwach zu sein, verletzlich. Nicht stark genug.
Ich vergrub mein Gesicht im Kissen und schloss die Augen. Wollte nichts mehr sehen von dieser grausamen Welt, die ihre Feseln um mich geschlungen hatte und mich zum Hierbleiben zwang.


Samstag, 6. Juli 2013

Diesen Post widme ich Michele



Alles zusammen ein lebensbedrohlicher Cocktail. Während ich das Gefühl niederkämpfte gleich zu ersticken, tasteten meine Finger nach etwas Scharfem. Mein Gehirn kramte währenddessen alte Erinnerungen aus.
Muss mich schneiden, dachte ich noch. Dann war ich wieder fünf Jahre alt.

Es war ein verregneter Novembertag, kalt und grau. Ich lag noch im Bett. Hatte die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Flocki lag neben mir. Ihre grünen Augen leuchteten im Dunkeln. Als wären sie mein Kompass. Kompass.
Die letzte Nacht war ein Alptraum gewesen. Ein einziger großer Alptraum. Ich hatte kein Auge zugemacht und war deswegen todmüde. Nichtsdestotrotz schlug ich die Bettdecke zurück, lief auf leisen Sohlen ins Bad und schloss die Tür, natürlich so leise es eben ging. Denn wenn ich meinen Vater aufwecken würde, gäbe es ein Riesentheater. Das letzte Mal hatte er meinen Kopf gegen die Wand geschlagen und erst aufgehört als ich anfing zu bluten.
Vier Stiche waren nötig um die Wunde an der Stirn zu nähen. Vier Stiche, denen ich entgangen wäre, wenn ich leise genug die Tür geschlossen hätte.
Ich setzte mich auf den Rand der Badewanne. Atmete tief durch. Schlang die Arme um mich. Sehnte mich danach der Hölle zu entfliehen, die sich mein Leben nannte.
Doch ich traute mich nicht. Traute mich nicht diese Welt zu verlassen. Noch nicht.

Dienstag, 2. Juli 2013

Standardkrisen einer Manisch-Depressiven



„Was ist, wenn auch das nichts bringt? Wenn es einfach nichts gibt, was mir hilft?“
Er schien abwesend zu sein. Irgendetwas lenkte ihn ab.
Unschlüssig saß ich im Bett. Wusste nicht, was ich tun sollte. Ihn anschreien? Ihn berühren?
Ich fuhr zusammmen als es plötzlich an der Tür klopfte. Ich wollte gerade ‚nein‘ schreien, doch Andrew kam mir zuvor. Er öffnete die Tür.
Beim Anblick meines Vaters zog sich alles in mir zusammen. Ich blinzelte. Er war immer noch da. In der Hand hielt er dunkelrote Rosen. Meine Lieblingsblumen.
Er begegnete meinem fassungslosen Blick. Stocksteif stand er in der Türschwelle und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.
„Raus hier“, sagte ich sachlich und zeigte auf die Tür.
Er warf mir eins seiner Ich-bestimme-über-dich Lächeln zu und kam zwei Schritte näher.
„Raus hier“, wiederholte ich.
„Lexy, ich bin gekommen…“
„Geh sofort raus hier!“, schrie ich. „Hau ab!“
Er zeigte mit einer Handbewegung auf den Verband an meinem Arm. „Was ist passiert?“
„Raus!“, schrie ich so laut ich konnte.
Andrew merkte, dass eine meiner Grenzen überschritten wurde, wandte sich an meinen Vater und meinte: „ Lexy muss sich ein wenig ausruhen. Gehen wir doch ein wenig in die Cafeteria.“ Er zwinkerte mir zu und manövrierte meinen Vater in den Flur.
Die Tür wurde geschlossen. Meine Beherrschung ging verloren.
Kurze, flache Atemzüge. Schweiß, der meinen Rücken hinunterläuft. Kalte Hände. Und der tiefschürfende Wunsch mir eine Klinge in den Arm zu rammen.

Sonntag, 23. Juni 2013

Höchste Höhen, tiefste Tiefen



 Schlagartig verschwanden alle schönen Gefühle und machten meiner Depression Platz, die jegliches Serotonin aus meinem Gehirn verbannte.
Es war als hätte mich jemand in Watte gepackt.
Ich empfand nichts.
Nicht den Ansatz eines Gefühls.
Als wäre ich an einem vollkommen anderen Ort. Einem düsteren, verlassenen Ort.
Erst als mich Andrew am Arm packte, kehrte ich zurück in die Realität. „Was ist los?“
Ich tat nicht außer ihn anzustarren.
„Rede mit mir. Lexy, bitte.“
„Ich möchte nicht mehr“, sagte ich mit dünner Stimme.
„Du möchtest was nicht mehr?“
Leben.
Manchmal gibt es Dinge, die man einfach nicht aussprechen kann ohne großen Schaden anzurichten. Manchmal verschweigt man diese Dinge dann einfach und tut so als hätten sie nie existiert.
„Ich habe vorhin mit deinem Arzt gesprochen“, unterbrach Andrew meine Gedanken. „Er ist der Meinung, dass du eine schwere Depression hast und da alleine nicht mehr rauskommst.“
Ein wenig verunsichert spielte ich an meinen Fingernägeln herum, die eh schon viel zu kurz waren weil ich immer an ihnen herumknabberte.
„Er möchte dir Antidepressiva geben.“
Erst war ich erstaunt. Dann erfreut.
Beim Anblick meiner leuchtenden Augen wirkte Andrew etwas irritiert. Er wusste konnte ja nicht wissen, dass ich mir schon jahrelang wünschte irgendwelche Pillen einzuschmeißen, die mein Leben vielleicht ein bisschen schöner machen würden. Ein bisschen ertragbarer.
Wenn ich schon nicht sterben durfte.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Illusionierte Sicherheit



Andrew zog seine Augenbrauen in die Höhe. „Ich merke doch, dass dich etwas bedrückt.“
„Ich habe einfach Angst, dass du mich fallen lässt. Dass es dir zu viel wird und du abhaust. Mich verlässt.“
„Lexy, ich bin für dich da.“ Er stand auf, beugte sich zu mir herunter und schloss mich in seine Arme. „Du kannst mir vertrauen.“
Ich verharrte einige Sekunden in vollkommener Starre ehe ich meinen Körper an seinen drückte und  in einem tiefen Gefühl von Sicherheit versank.

Doch es war eine Illusion. Mein ganzes Leben war eine einzige verfickte Illusion.
Ich setzte mich auf, war drauf und dran in tiefe Panik zu verfallen. Gekonnt riss ich die Braunüle aus meinem Arm und sah zu, wie das Blut herauslief, sich seinen Weg über meine Haut bahnte.